Cassiodorusforschung

Bild: Fulda workshop, Public domain, via Wikimedia Commons
Ich arbeite gerade an einer kirchenhistorischen Dissertation zu den Institutiones divinarum et saecularium litterarum - der Einführung in die geistlichen und weltlichen Wissenschaften von Cassiodorus, einem Politiker und Theologen des 5./6 Jahrhunderts. Ich untersuche das Verhältnis von Glaube und Bildung, insbesondere weltlicher Bildung, bei Cassiodorus
Die Institutiones sind eine Art Lernplan und Bibliothekskatalog für die Mönche des von Cassiodorus gegründeten Doppelklosters Vivarium-Castellense. Es handelt sich um einen der ältesten bis heute erhaltenen Bibliothekskataloge.
Angesichts einer schon lange christlich dominierten Gesellschaft arbeitet sich Cassiodorus an der Frage ab, wie mit den nichtchristlichen Bildungsgütern, insbesondere den septem artes liberales umzugehen ist. Dabei löst er den Konflikt auf überraschende Weise: Er radikalisiert die schon von früheren Apologeten vertretene Prioritätsbehauptung, dass die biblischen Schriften älter seien als die griechischen Philosophen und diese daher nichts verwertbares neues zu bieten hätten. Bei Cassiodours nimmt diese These eine neue Form an: Nicht nur seien die biblischen Schriften älter als die nichtjüdischen/nichtchristlichen Quellen, sie seien sogar deren literarische Grundlage. Durch diese nicht weiter philologisch begründetete Grundthese gewinnt Cassiodorus aber gerade eine besonders große Freiheit im Umgang mit nichtchristlichen Bildungsgütern, da er sie schlichtweg usurpiert. Zugespitzt könnte man es so ausdrücken, dass für Cassiodorus die Werke der Philosophen und Rhetoren eine gewisse Form von Exegese darstellen, allerdings nicht im Hinblick auf das Wesen Gottes, sondern im Hinblick auf seine Schöpfung. So entsteht das doppelte Curriculum der geistlichen und welltichen Wissenschaften: Die christliche Exegese und Theologie als Auslegung der Bible im Hinblick auf Gott, die weltlichen Wissenschaften als Auslegung im Hinblick auf die Schöpfung. Die Priorität der geistlichen Wissenschaft bleibt natürlich unhinterfragt. Exemplarisch wird dieses Verständnis in Cassiodors Psalmenkommentar.